Zeitschrift Rezensionen

Rezensiert von: Daniela Veliz

Joachim Stüben, De lege. Über das Gesetz. Kommentare zur Prima Secundae des heiligen Thomas (90-108)

  
Mit der vorliegenden Ausgabe liegt erstmals eine deutsche Übersetzung des Kommentars zum Traktat über das Gesetz des Spätscholastikers Francisco de Vitoria (1483/1493 (?) – 1546) vor, der als Vorläufer des internationalen Rechts gilt. Der Theologe hat selbst nichts publiziert. Seine regulären Vorlesungen über die Summa Theologica von Thomas von Aquin, die er 1526 bis zu seinem Tod als Inhaber der Cátedra de Prima de Teología in Salamanca gehalten hat, wurden erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts entdeckt und im Laufe des 20. Jahrhunderts der Öffentlichkeit durch Buchdruck zugänglich gemacht. Hingegen wurden die „relecciones“, die ausserordentlichen Vorlesungen, bereits im 16. Jahrhundert in lateinischer Sprache veröffentlicht.
1
In den Jahren 1533/34 kommentierte Francisco de Vitoria die Quästionen 90 bis 108 der Prima Secundae des Thomas von Aquin, welche mit dem Titel „De lege“ oder „Lex-Traktat“ bezeichnet werden. Der Umstand, dass es bisher keine vollständige Übersetzung oder nur Teilübersetzungen der ordentlichen Vorlesungen in anderen Sprachen gibt, war Anlass genug für die Herausgabe dieses Werkes. So wurden sämtliche ordentlichen Vorlesungen vom Dominikanerpater Vincente Beltrán de Heredia zwischen 1934 und 1952 in lateinischer Sprache[1] veröffentlicht, darunter auch den Kommentar zu „De lege“, der als Textbasis für die vorliegende Übersetzung diente. Zum Kommentar „De lege“ erschienen bisher eine (unvollständige) englische[2] sowie eine spanische[3] Übersetzung. Mit diesem Band setzt das Institut für Theologie und Frieden seine Arbeit fort[4], die Werke von Vitoria einem breiten, deutschsprachigen Publikum zugänglich zu machen.
2
Der Übersetzer, Joachim Stüben, hat es in hervorragender Weise verstanden, eine am Text nahe Übersetzung zu liefern und eine zutreffende und genaue deutsche Fassung zu geben, ohne vom Ursprungstext abzuweichen. Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang, dass der Übersetzer sich eingehend mit den vorgängigen englischen und spanischen Übersetzungen zum „Lex-Traktat“ befasst und sie auf ihre Übersetzungstauglichkeit untersucht hat. So verweist der Übersetzer in den Anmerkungen auf divergierende englische oder spanische Übersetzungen hin und vermerkt diesbezüglich, welche der beiden Übersetzungsvarianten als passender erscheint. Dass sich Stüben um eine äusserst sorgfältig erstellte Übersetzung bemüht hat, wird durch einige Anmerkungen und Hinweise deutlich, wenn etwa die Bedeutung eines Satzgefüges unklar ist und diesbezüglich Anpassungen bzw. Änderungen am Originaltext vorgenommen wurden.
3
Beachtlich ist der äusserst genau erstellte Apparat. So hat der Bearbeiter den Aufwand nicht gescheut, die Autoritäten, auf die sich Vitoria in seinem Kommentar beruft, mit der englischen und spanischen Ausgabe zu vergleichen, auf ihre Richtigkeit zu überprüfen sowie Korrekturen anzubringen. Auch darauf verweist der Übersetzer in den Anmerkungen. Sehr nützlich ist überdies, dass ein Teil der Zitate billingual angegeben werden. Auch das Quellenverzeichnis ist hilfreich. Bei der Liste der Sekundärliteratur wurde eine Auswahl getroffen, die im Hinblick auf das weitere Forschen auf diesem Gebiet durchaus zweckdienlich ist. Zu finden ist des Weiteren ein alphabetisches Verzeichnis der ausserbiblischen Quellen sowie derjenigen Bibelstellen, die für das Verständnis des Originaltextes unerlässlich sind.
4
Wertvolle (Hintergrund-) Informationen sind dem Vorwort von Norbert Brieskorn und den Vorbemerkungen des Übersetzers zu entnehmen. Brieskorn liefert eine gute Zusammenfassung von Vitorias Leben und Wirken. Darüber hinaus erläutert er den Aufbau der Summa Theologica, die Art und Weise der Kommentierung sowie die im Vordergrund stehenden Themen. Für all diejenigen, die sich über Vitorias Werke einen Überblick verschaffen wollen, seien hingegen auf die Vorbemerkungen des Übersetzers Stüben verwiesen. Sie enthalten unter anderem eine kurze, aber dienliche Zusammenfassung über die beiden Gruppen der Vorlesungen, Angaben zu bereits publizierten Übersetzungen sowie zu Vitorias Stellung und Bedeutung in der Vergangenheit und Gegenwart.
5
Insgesamt liegt ein hervorragendes Werk vor, welches für Studierende und Forschende auf den Gebieten der (Rechts-)Geschichte und Theologie ein unentbehrliches Arbeitsinstrument darstellt, um das vitorianische Denken – auch im Hinblick auf die „relecciones“ –  besser verstehen zu können.
6

Fußnoten:

[1]Francisco de Vitoria: Commentarios a la Secunda secundae de Santo Tomas, Bände 1-6, hrsg. von Beltrán de Heredia, Salamanca, 1932-1952.

[2] Political Writings. Ed. by Anthony Padgen and Jeremy Lawrence.Cambridge u.a.: Cambridge University Press, 2007.

[3]La Ley Estudio preliminar y traducción de Luis Frayle Delgado, Madrid: Editorial Tecnos, 1995.

[4]Vorlesungen I-II (Relectiones): Völkerrecht, Politik, Kirche, hrsg. v. Ulrich Horst, Heinz-Gerhard Justenhoven, Joachim Stüben, Stuttgart/Berlin/Köln: Kohlhammer, 1995-1997 (ThFr 7-8); Darüber hinaus erschien das Werk: Kann Krieg erlaubt sein? – Eine Quellensammlung zur politischen Ethik der Spanischen Spätscholastik, hrsg. v. Heinz-Gerhard Justenhoven, Joachim Stüben, Stuttgart: Kohlhammer, 2006.

Rezension vom 28. März 2011
© 2011 fhi
ISSN: 1860-5605
Erstveröffentlichung

  • Zitiervorschlag Rezensiert von: Daniela Veliz, Joachim Stüben, De lege. Über das Gesetz. Kommentare zur Prima Secundae des heiligen Thomas (90-108) (28. März 2011), in forum historiae iuris, http://www.forhistiur.de/2011-03-veliz/