Zeitschrift Rezensionen

Rezensiert von: Nora Bertram

Stefan Fisch, Geschichte der europäischen Universität. Von Bologna nach Bologna C.H.Beck Wissen, München 2015, 128 S., ISBN 978-3-406-67667-3.

1 Juristen ist Bologna als Wiege der rechtswissenschaftlichen Lehre bekannt. Die meisten wissen jedoch weniger über die Organisationsstruktur dieser frühen Bildungseinrichtung, die als erste Universität bezeichnet wird. Stefan Fisch schildert nicht nur die Entstehung solcher Institutionen im Mittelalter und ihre zum Teil durch schwere Krisen erschütterte Entwicklung bis in die Gegenwart, er liefert mit seinem Buch auch eine umfassende Geschichte der Organisation von Wissen und Wissenschaft im europäischen Kulturkreis.

2 Von der Begriffsbestimmung des Wortes universitas ausgehend, erläutert der Autor im ersten Kapitel den Ursprung der europäischen Universität als Institution.

3 In der Antike hatte es bereits an verschiedenen Orten Bildungseinrichtungen gegeben, die sich der Weitergabe von Wissen verschrieben hatten. Jedoch gelangten diese Schulen nicht zu einer rechtlichen Verfestigung ihrer Selbstorganisation und damit auch nicht zur Anerkennung von Leistung durch Prüfung und Graduierung. Auch wenn man sich in Bologna ab Ende des 11. Jahrhunderts zunächst nur mit einem neuartigen Wissensgebiet beschäftigte, nämlich der Lehre vom wiederentdeckten römischen Recht, wird hier die erste Universität verortet. Dies liegt entscheidend daran, dass Bologna sich als ein Raum eigenen Rechts konstituierte und von einer „kooperativen Autonomie in Form einer rechtlich geordneten Genossenschaft aller Beteiligten“ 1 geprägt war. Stefan Fisch macht hier jedoch auch deutlich, dass die Frage nach der ersten europäischen Universität differenziert betrachtet werden müsse und stark davon abhänge, welche Merkmale bestimmend seien für den Universitätsbegriff. „Betont man dagegen die Autonomie vor allem der Lehrenden und deren genossenschaftlichen Selbstverwaltungsrechte nach innen, insbesondere in Fragen von Lehre und Prüfungen“ 2 , könne man auch die um 1150 gegründete Pariser Universität als die älteste ihrer Art ansehen. Stefan Fisch lässt die Frage letztendlich offen und wendet sich im Folgenden den mit der Gründung von Universitäten verbundenen praktischen Aspekten, wie der Finanzierung dieser Bildungseinrichtungen und der europaweiten Anerkennung einer allgemeinen Lehrerlaubnis, zu. Für Letztere wurde der Weg bereits im Jahre 1231 durch Papst Gregor IX. in der Bulle Parens scientiarum geebnet. Der Pariser Universität wurde darin ihre institutionelle Unabhängigkeit in Bezug auf die Erteilung von Lehrerlaubnissen bestätigt, die später überall in der christlichen Welt gelten sollte. 3

1. Stefan Fisch, Die Geschichte der europäischen Universität. Von Bologna nach Bologna, S. 14. (...) 2. Ebd., S. 14. (...) 3. Ebd., S. 20. (...)

4 „Zur Zeit ihrer Entstehung war die europäische Universität noch nicht der Ort fortwährender Innovation, als der sie heute wahrscheinlich wahrgenommen wird.“ 4 Die Inhalte von Wissenschaft im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit unterscheiden sich deutlich vom Wissenschaftsbetrieb heutiger Zeit. So war laut Stefan Fisch das Studium maßgeblich durch das Lesen autoritativer Texte geprägt und bestand vielmehr in der Aneignung von Traditionen. Ein kritisches Hinterfragen von Lehrinhalten begann an den Universitäten erst im Zeitalter der Aufklärung durch die Humanisten. So zeichneten sich die rechtswissenschaftlichen Studien der 1694 gegründeten Reformuniversität Halle durch neuartige Lehrmethoden und gegenwartsbezogene Lehrinhalte aus. Die Reformanstöße der Universitäten in Mitteleuropa hatten allerdings auch die Verdrängung des Lateinischen als Lehrsprache zur Folge. „In der Zeit der großen Revolutionen verschob sich damit der Fokus der Universitätsentwicklung noch mehr weg von der gemeinsamen europäischen Basis hin zu eher national bestimmten Eigenwegen.“ 5

4. Ebd., S. 22. (...) 5. Ebd., S. 38. (...)

5 Im Schwerpunkt behandelt Stefan Fisch in seinem Buch die Universitätsreformen nach 1800 in Frankreich und Deutschland. Frankreichs Weg zu einem dualistischen System mit Vorrang der Grandes Écoles war ein anderer als der, den man in Deutschland – geprägt vom Humboldtʼschen Bildungsideal – beschritt. Das französische Hochschulsystem war auf die Anwendbarkeit im Beruf ausgerichtet. Die neuen preußischen Universitäten, allen voran Berlin, hatten hingegen eine indirekte Wirkung auf die Gesellschaft, da man sich als Lehrideal die Herausbildung und Festigung der Individualität des einzelnen Menschen setzte. Ein Bestreben vorheriger Universitäten bestand darin, für das bürgerliche Leben brauchbare Staatsbürger zu erziehen. Nun stand im Mittelpunkt vielmehr die Bildung von Persönlichkeiten bei gleichzeitiger Beibehaltung der staatlichen Organisation der Universitäten. Ideengeschichtlich wurden die neuen Universitäten zunächst von Immanuel Kant und später durch Johann Gottlieb Fichte geprägt. Die Ausstrahlungswirkung des preußischen Modells in andere Staaten beförderte zudem ein neues Netzwerk deutschsprachiger Universitäten.

6 In einem der letzten Abschnitte seines Buchs widmet sich Stefan Fisch den tiefen Krisen der deutschen Universität in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus. Das Ansehen des akademischen Personals im internationalen Wissenschaftsverkehr sank nach dem Ersten Weltkrieg merklich, da ideologische Positionierungen deutscher Professoren nachwirkten. Der Studentenschaft, die in dieser Zeit stetig zurückging, konnte erst durch die Schaffung von neuen Institutionen der studentischen Selbstverwaltung geholfen werden. Aber eben diesen Institutionen hing der Mangel an, dass ihnen größtenteils der Grundsatz der Gleichberechtigung fern lag. Minderheiten wurden bereits in den 1920er Jahren von der Mitgliedschaft ausgeschlossen. Die Gleichschaltung der deutschen Universitäten gemäß der nationalsozialistischen Ideologie und der Ausschluss jüdischer Bürger von jeglicher Aufnahme eines Studiums bilden ohne Zweifel das dunkelste Kapitel deutscher Universitätsgeschichte. Leider erfährt der Leser wenig darüber, in welcher Form der Wissenschaftsbetrieb in dieser Zeit an den übrigen europäischen Universitäten aufrechterhalten wurde. Den Neubeginn nach 1945 im geteilten Deutschland handelt der Autor ebenfalls recht kurz ab. Von der nationalen Perspektive der Universitätsgeschichte kehrt Stefan Fisch in seinem Epilog zu einer europäischen Sichtweise zurück. Zu der jüngsten Entwicklung der Bologna-Reform, der Umstellung der nationalen Studiengänge auf Bachelor- und Masterabschlüsse, lässt er auch seine eigene Sichtweise erkennen: „Die europäische Mobilität der Studierenden, ein Hauptziel, ist wohl nicht wirklich gestiegen; vielfach sind die Zeitfenster für einen Auslandsaufenthalt limitierter als zuvor.“ 6

6. Ebd., S. 116. (...)

7 Wie sich die Universität als identitätsprägende Institution für Europa entwickelt hat, soll den Schwerpunkt der hier vorliegenden „europäisch orientierten Universitätsgeschichte zwischen den beiden Polen einer Organisationsgeschichte einerseits und einer Geschichte von Wissen und Wissenschaft andererseits bilden“. 7

7. Ebd., S. 8. (...)

8 Es ist zunächst zu sagen, dass die Erzählung dieser komplexen Entwicklung gelungen ist. Der Autor stellt auf ambitionierten 120 Seiten die Entstehung und Veränderung bestimmter Strukturmerkmale der europäischen Universitäten dar, behält dabei aber gleichzeitig die Veränderung der wissenschaftlichen Disziplinen im Blick. Stefan Fisch , der Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Deutschen Universität für Verwaltungswissenschaften in Speyer ist, richtet den Fokus der Universitätsgeschichte in den letzten Kapiteln stark auf die deutsche Entwicklung. Hier wäre ein Blick nach Italien oder Frankreich möglicherweise interessant gewesen.

9 Sehr positiv ist, dass der Autor sich auch mit Aspekten der Universitätsgeschichte befasst, die nicht so recht ins Bild der Universität als eines Ortes des freien Denkens und des Fortschritts passen. Hierzu gehört sicherlich die über Jahrhunderte bestehende selbstverständliche Absenz von Frauen in der wissenschaftlichen Ausbildung. In Kapitel 9 widmet Stefan Fisch sich daher ausführlich der allmählichen Teilhabe von Frauen an Studium und Lehre im europäischen Vergleich. Damit ist ihm ein ausgezeichneter Überblick zu den ersten Universitätsabsolventinnen, Doktorandinnen und Professorinnen in Europa gelungen.

10 Die Geschichte der europäischen Universität. Von Bologna nach Bologna ist in der Beck’schen Reihe Wissen erschienen, die konzentrierte Informationen aus den wichtigsten Gebieten der Kultur- und Naturwissenschaften enthält. Das vorliegende Werk ist eine wertvolle Ergänzung dieser Wissensreihe, denn Stefan Fisch beschreibt in souveräner und verständlicher Sprache die Errungenschaft des selbstverwalteten Bildungsapparates, der Universität. Eine Zeittafel sowie ein Personen- und Orts-/Universitätsregister tragen zu einer übersichtlichen Darstellung der immerhin fast 1000-jährigen Geschichte der europäischen Universität bei.

Rezension vom 20. November 2015
© 2015 fhi
ISSN: 1860-5605
Erstveröffentlichung

  • Zitiervorschlag Rezensiert von: Nora Bertram, Stefan Fisch, Geschichte der europäischen Universität. Von Bologna nach Bologna (20. November 2015), in forum historiae iuris, http://www.forhistiur.de/2015-11-bertram/