Zeitschrift Rezensionen

Rezensiert von: Piotr Gotówko

Gerard Labuda, Pierwsze wieki monarchii piastowskiej [Erste Jahrhunderte der Piastenmonarchie] Wydawnictwo Nauka i Innowacje, Posen 2012, 313 Seiten , ISBN 978-83-934106-7-5

1 Die Anfänge der polnischen Staatlichkeit werden von zahlreichen mündlichen Erzählungen und Legenden begleitet, sodass es manchmal schwierig fällt, die Wahrheit von der Fiktion zu unterscheiden. Dieser schwierigen Aufgabe nahm sich Gerard Labuda, einer der wichtigsten polnischen Historiker und Kenner der Frühgeschichte des polnischen Staates an. Sein Buch ist eine Zusammenstellung der Arbeiten aus den achtziger und neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts, die seine Schüler nach seinem Ableben in seinem Namen herausgaben. Das Rückgrad der späteren Monarchie bildete das Land der Polanen, wie der Stamm im heutigen Grosspolen rund um die Burg Gniesno hiess. Erste archäologische Funde in dieser Gegend stammen aus dem 7. Jh., die Fundamente der erwähnten Burg hingegen aus dem 8. Jh. Selbst in der entfernten Zeit stützt sich der Autor neben der Archäologie auch auf schriftliche Quellen, wie etwa auf die Chronik von Gall Anonymus, der um 1110 auf dem Hofe des damaligen Piastenfürstes Boleslaw Schiefmund schrieb. So lässt sich die Geschichte des wichtigsten Geschlechts bis ins ca. 8 Jh. zurückverfolgen. Der erste namentlich bekannte Herrscher war ein gewisser Piast Choscikowic. Sein Sohn Siemowit entfernte definitiv einen Kontrahenten namens Popiel von der Macht, nach ihm herrschten seine Nachkommen Lestek, nachher sein Sohn Siemomysl und dessen Sohn Mieszko (ca. 960-992). Gall Anonymus machte keinen Hehl daraus, dass die Dynastie bäuerlichen Ursprungs war. Anschliessend schildert der Autor das Geschehen in anderen gleichsprachigen Stämmen. Im Süden des heutigen Polens lebten zwei wichtige Stammverbände, Wislanen und Lendizen, die um ca. 950 vom tschechischen Fürsten Boleslaw erobert und somit an weiterer Entwicklung gehemmt wurden. In Pommern im Norden waren die Zusammenschlüsse von Stämmen hingegen noch nicht herausgebildet, sodass dort zahlreiche kleine Stämme lebten. Eine ähnliche Struktur lässt sich in Schlesien im Südwesten vorfinden. Im Westen, zwischen der Oder und der Elbe, lebten slawische Stämme, die sich zu Verbänden von Wilzen im heutigen Mecklenburg-Vorpommern und nördlichen Brandenburg sowie von Sorben im heutigen Südbrandenburg und Sachsen geschlossen hatten. Im Osten lag Masowien, welches damals dicht bewaldet und dünn bevölkert war. Nach der Beschreibung der Stämme erklärt der Autor die Sprachterminologie. Der wichtigste Stamm, die Polanen, verdankt seine Bezeichnung dem Wort „pole“, zu Deutsch „das Feld“. Ihre Region, Grosspolen (Wielkopolska) bedeutete also soviel wie das Alte Polen. Es ist ein zutreffender Ausdruck, denn von dort gingen die meisten Impulse zur Einigung aus. Die zweite für die künftige Staatlichkeit wichtige Gegend, Kleinpolen (Małopolska), stand für das Junge Polen. Der im Südosten beheimatete Stamm der Lendizen (poln. Lędzianie) hatte wegen seiner geographischen Lage die meisten Kontakte zu den ruthenischsprachigen Gebieten. Sie bezeichneten die polnischen Stämme seit dem 10. Jh. in ihren Quellen nicht als Polen, sondern als „Lachy“, wobei der Ausdruck bis nach Byzanz gelangte und heute verwendet wird. Der Autor nennt Beispiele, dass dies geschichtlich öfters vorkam. So stammen die Bezeichnung der Griechen vom westhellenischen Stamm der Graiken, der am nahesten zu den Römern lag, oder der französische Ausdruck der Allemands, der alle Deutschen umschreibt, von den Alemannen, den Nachbarn künftiger Franzosen.

2 Im nächsten Kapitel schildert der Autor das Geschehen im 10. Jh. unter den direkten Nachbarn der polnischen Stämme. Dabei kann er den wenigen schriftlichen Quellen zu dieser Zeit, wie den Chroniken von Widukund und Thietmar sowie den Berichten des jüdischen Reisenden Ibrahim ibn Jakub dank kritischer Analyse sehr viele Informationen abgewinnen. Gelegentlich greift er zu Chroniken von Kosmas, Nestor sowie zu den Quidlingburger Annalen, wobei er das letztgenannte Werk nicht im Inhaltsverzeichnis aufführt. Die im Westen lebenden Slawen wurden vom Kaiser Otto I. dank List und militärischer Kraft zu Tributzahlungen verpflichtet. Am erfolgreichsten war der Kaiser bei den Sorben, da sein Graf Geron ihre 30 Fürsten anlässlich eines feierlichen Essens allesamt vergiftet hatte. Um den heidnischen Slawenstämmen die eigenen Herrschaftsstrukturen und die christliche Religion aufzudrängen, wurden 948 Bistümer in Hobolin (späteres Havelberg) und Brenna (späteres Brandenburg) sowie 968 in Stargard (Oldenburg) gegründet. Weitere deutsche Expansion wurden von Aufständen der slawischen Wilzen und Obodriten gebremst, die ca. 954-967 andauerten. Die kämpferischen Wilzen führten zugleich zwischen 963/964-967 einen Krieg gegen den polnischen Fürst Mieszko I. Der Autor schliesst daraus dank sorgfältiger Quellenanalyse, dass der polnische Herrscher die Beschäftigung der Wilzen für sich nutzen und den Stamm der Leubuser an der östlichen Oder erobert hatte.

3 Im Süden grenzte Polen an die Gebiete der tschechischen Fürsten, die unter nicht näher bekannten Umständen die polnischsprachigen Stämme in Schlesien und um ca. 950 die Wislanen und Lendizen im Süden eroberten. Dabei bediente sich der Autor des sprachlichen Ausdrucks „Tschechien“, und nicht etwa Mähren. Etwa um dieselbe Zeit zwang Otto I. den damaligen tschechischen Machthaber Boleslaw zu Tributzahlungen. Wegen der deutschen Bedrohung waren die Tschechen und die Wilzen seit längerem Verbündete. Mieszko I. gelang es, dieses Bündnis zu sprengen, indem er ca. 965 die Schwester des tschechischen Fürsten Boleslaws, Dobrawa, heiratete und sich ca. 966 taufen liess. Als er sich damit die Südgrenze seines Staates abgesichert hatte, begann er Eroberungen in der Odermündung. Weil er sich gleichzeitig zu Tributzahlungen an den Kaiser aus den gewonnenen Gebieten verpflichtete, galt er für Otto I. als Freund. Die raschen Fortschritte von Mieszko I. dürften einen Grafen Hodon beunruhigt haben, der als Statthalter der eroberten Wilzen agierte. In Abwesenheit des Kaisers bereitete er 972 einen Kriegszug gegen Mieszko I. vor, der jedoch bei Cedynia in einen Hinterhalt gelockt und vernichtend geschlagen wurde. So kann der Autor die Situation sehr umfassend, zugleich aber übersichtlich und verhältnismässig kurz schildern, was zu grossen Stärken seines Buches zählt.

4 Die Taufe ca. im Jahre 966 hatte neben den kurzfristigen Bündnisvorteilen auch weitgehende politische und religiöse Folgen. Der Autor setzt sich zunächst damit auseinander, dass das Christentum Polen aus zwei Richtungen erreichte: Vom Südosten her, aus Byzanz über Mähren, sowie vom Südwesten her, aus Salzburg, Mainz und Bayern. Der Autor erörtert erschiedene Forschungsmeinungen, ob Polen zunächst die römische oder die byzantinische Version des Christentums hatte und stellt sich auf den Punkt, dass die ersten Missionare vom Rheinland her kamen. Dies spricht dafür, dass in Polen einzig die römischkatholischen Bräuche galten, wobei sie sich im frühen Slawentum nicht stark von den orthodoxen Ritten unterschieden. Ein weiterer Weg lief über Böhmen, welches im Einflussbereich des Bistums Regensburg lag. Nach der tschechischen Eroberung Schlesiens und insbesondere nach der Heirat mit Dobrawa, die ihre eigenen Kapläne auf den Hof in Gniesno mitbrachte, erhielt jener Weg starken Auftrieb. Wie der Autor nachweist, stammen rund drei Viertel der religiösen Ausdrücke in polnischer Sprache aus dem Tschechischen. Weiter erörtert er die aussen- und die innenpolitischen Motive für die Taufe. Zum einen überwand Mieszko I. damit viele Vorbehalte, denn den Christen war es nicht gestattet, mit Heiden an einem Tisch zu essen oder diplomatische Beziehungen zu pflegen. Zum anderen ist sich der Autor sicher, dass im Landesinnern neben den vielen Stämmen auch regional unterschiedliche heidnische Kulten existiert haben. Mit der Annahme des Christentums wurde eine Art Staatsreligion ausgerufen, wodurch die Prozesse der Einigung unter einem Herrscher zusätzlich gestärkt wurden.

5 Im nächsten Kapitel nimmt der Autor eine sorgfältige und überzeugende Analyse der politischen Ereignisse vor. Nach dem Tode des Kaisers Otto I. 973 machten sein Sohn Otto II. sowie sein Verwandter, Heinrich II. von Bayern, Ansprüche auf den Thron geltend. Als Otto II. seinen Widersacher Heinrich besiegte, erhielt dieser Schutz auf dem tschechischen Hofe, wobei anfänglich Mieszko I. ihm ebenfalls half. Als der neue Kaiser Tschechien bezwang, wurde Polen zum nächsten Ziel eines Kriegszuges. Mieszko I. schloss mit dem Kaiser einen nicht näher bekannten Kompromiss. Nach dem Aufstand der Wilzen 983 und erneutem Parteinahme des tschechischen Fürsten zugunsten von Heinrich, scheint Mieszko I. sich bereits auf die Seite Ottos II. geschlagen zu haben, zumal er sich an Kriegsreisen gegen die Wilzen beteiligte. Er nutzte geschickt den deutsch-tschechischen Krieg um das slawische Gebiet vom heutigen Meissen zur Wiedereinverleibung der polnischen Stämme aus dem tschechischen Machtbereich. Ca. 988-989 besetzte er Südpolen und ca. 990 Schlesien. Die militärischen Aktionen des tschechischen Fürsten Boleslaw nutzten wenig, ebenso sein Bündnis mit den Wilzen gegen Mieszko. So wurden alle polnischsprachigen Ländereien um 990 unter dem Zepter der Piasten zum ersten Mal vereint. Die dazu führenden Gegebenheiten beschreibt der Autor mit lebhafter und leicht verständlicher Sprache. Weiter flocht er die familiäre Situation von Mieszko I. ein, der nach dem Ableben von Dobrawa zum zweiten Mal heiratete, diesmal eine sächsische Prinzessin Oda, mit der er drei Söhne hatte. In diesem Zusammenhang analysiert der Autor ein Dokument „Dagome iudex“ aus 991, in dem sich Mieszko und Oda unter den päpstlichen Schutz stellten. Darin werden zahlreiche Territorien aufgezählt und die Namen zweier Söhne von Mieszko und seiner zweiten Ehefrau Oda genannt. Es fehlt hingegen die Erwähnung von Boleslaw, des Sohnes von Mieszko aus seiner ersten Ehe mit Dobrawa. Ebenfalls ist von Kleinpolen nirgends die Rede, obwohl es um diese Zeit bereits erobert worden ist. Der Autor schliesst daraus, dass das Dokument den Söhnen aus zweiter Ehe die Herrschaft künftig sichern sollte, zumal der älteste Sohn aus jener Beziehung bestenfalls zwölfjährig war, während der erstgeborene Boleslaw bereits im Erwachsenenalter stand. Nach dem Ableben von Mieszko I. 992 begnügte sich Boleslaw, später genannt „der Tapfere“, nicht nur mit Kleinpolen und vertrieb im gleichen Jahre seine Stiefmutter und ihre drei Söhne. Der Autor erklärt zwar nicht, weshalb sich ausgerechnet der Erstgeborene durchsetzte, aus seiner späteren Herrschaft wird deutlich, dass er sehr energisch war, was auch bei dynastischen Streitigkeiten den Ausschlag gegeben haben dürfte. So blieb das Land weiterhin vereint.

6 Kurz nach seinem Machtantritt kam es zu einem glücklichen Zufall. In Tschechien rivalisierten zwei Familien um die Vorherrschaft: die Premysliden aus dem westlichen Landesteil mit den Slawnikowzen aus den östlichen Teil. Die Würde des Prager Bischofs bekleidete Wojciech aus dem letztgenannten Geschlecht. Als 996 Morde an zahlreichen Vertretern seiner Familie verübt wurden, suchte Wojciech zusammen mit seinem Bruder Radzim Schutz in Gniesno. Weil ihm der tschechische Fürst die Rückkehr nach Prag verweigerte, brach er mit einer Missionsreise zu den baltischen Stämmen nördlich von Polen auf, wo er 997 einen Märtyrertod starb. Der polnische Herrscher Boleslaw erkannte sogleich, welche Möglichkeiten sich ihm dadurch eröffneten und kaufte den Leichnam von Wojciech von den Heiden ab. Unmittelbar danach ersuchte er um die Schaffung eines Erzbistums. Zum damaligen Zeitpunkt waren seine Gebiete drei verschiedenen Bistümern unterstellt. Neben dem Bischof in Grosspolen unterstand Schlesien dem Prager und Südpolen dem Olmützer Bischof. Boleslaw wollte die von ihm beherrschten Gebiete dem Einfluss der tschechischen Bischöfe entziehen. Um diese umfangreichen Veränderungen vorzunehmen, waren eine mehrjährige Lobbyarbeit in Rom sowie das Einverständnis des Kaisers nötig. Auch musste sich der unmittelbare Vorgesetzte der Prager und der Olmützer Bistümer, der Erzbischof von Mainz, damit einverstanden erklären. Der Autor gelangt zum Schluss, dass die relevanten Entscheide in Rom 999 gefallen worden sein müssten. Als Kaiser Otto III. zum Grab des nun Heiligen Wojciech aufbrach, gewährte er Boleslaw während der Synode von Gniesno zwischen 8. und dem 10. März des Jahres 1000 nebst der Schaffung eines Erzbistums auch die Investiturrechte. Der Autor bemerkt mit Recht, dass dies sehr viel war, zumal beispielsweise im benachbarten Tschechien solche Rechte weiterhin beim Kaiser lagen. Die Beweggründe Ottos III. werden hingegen nicht ausreichend erörtert. Es gehört zur grossen Stärke von Gerard Labuda, dass er sich auf das Wesentliche beschränkt und weitere Informationen auslässt. An dieser Stelle vermerkt er jedoch nur, dass Otto III. das Römische Imperium wiederaufbauen wollte, was doch eine zu starke Abkürzung ist. Nach dem plötzlichen Ableben des jungen Kaisers 1002 versuchte sein Nachfolger, Heinrich II. (1002-1024), die Stärkung des polnischen Staates wieder rückgängig zu machen. Es entbrannte zwischen ihnen ein verheerender Krieg, der zwischen 1002-1018 mit drei besonders intensiven Phasen andauerte. Der Autor schildert erneut die wechselnden Bündnisse, die etwa die Besetzung Tschechiens und Mährens durch Boleslaw, Kriegsreisen des Kaisers, Vergeltungsaktionen oder die militärischen Techniken der Beteiligten. Den dynastischen Verbindungen stellt er Realpolitik gegenüber. Nach sehr erschöpfendem Ringen ging Boleslaw „der Tapfere“ siegreich hervor. Der Frieden wurde in Bautzen geschlossen, welches Polen zufiel, was wiederum indiziert, dass Boleslaw in Verhandlungen dem Kaiser den Ton angab. Unmittelbar nach dem Friedensschluss unternahm er 1018 eine Kriegsreise gegen den östlichen Nachbar, Ruthenien, um den herrschenden Jaroslaw zu vertreiben und ihn mit seinem Verwandten, Swietopelk zu ersetzen, sowie um die östlichen Gebiete den polnischsprachigen Lendizen, die Ruthenien sich zuvor eroberte, wieder zu entreissen. Nach seinem siegreichen Einzug in Kiew schickte er einen Brief an den byzantinischen Kaiser, in dem er ihm seine Freundschaft anbot und im Falle einer Ablehnung mit Krieg drohte. Der Autor schliesst daraus, dass Boleslaw „der Tapfere“ sich nach den vielen Erfolgen definitiv auf Augenhöhe mit den allerwichtigsten Spielern seiner Zeit sah. Im Jahre 1025, kurz nach dem Ableben seines grossen Widersachers Heinrichs II., liess er sich nach vorgängigem päpstlichem Einverständnis zum König krönen.

7 Als der bemerkenswerte Boleslaw im gleichen Jahr verstarb, hinterliess er drei Söhne aus verschiedenen Ehen. Als künftigen Herrscher salbte er nicht etwa den ältesten Bezprym, den Sohn einer nicht namentlich bekannten ungarischen Prinzessin, sondern den jüngeren Mieszko II., der sich sogleich ebenfalls krönen liess. Der neue Kaiser Konrad II. begann in den Jahren 1028-1029 einen weiteren Krieg, der aus seiner Sicht aber schlecht verlief, da sich Polen mit Ungarn verband und vorübergehend sogar Wien besetzt wurde. Im Jahre 1030 schloss der Kaiser ein Bündnis mit dem ruthenischen Fürsten Jaroslaw „dem Klugen“ gegen Mieszko II. Gemäss den Hildesheimer Annalen und den ruthenischen Quellen wurde der Piastenkönig bis 1032 definitiv besiegt. Sein älterer Bruder riss die Macht an sich, wurde jedoch sehr bald von den Untertanen wegen despotischen Regierungsstils getötet. Im gleichen Jahr kehrte Mieszko II. aus dem Exil zurück. Dies dürfte die kaiserlichen Berater im höchsten Masse beunruhigt haben. Um Konrad II. milde zu stimmen und neuen Krieg zu vermeiden, verzichtete Mieszko auf seine königliche Krone. Das Land, welches nun in drei verschiedene Teile zu zerfallen drohte, vereinte er unter nicht näher bekannten Umständen. Weil er wenig später verstarb, gelangte sein Sohn Kasimir an die Macht.

8 Im nächsten Kapitel befasst sich der Autor mit den Faktoren, unter denen sich das entfalten konnte, was er als „Staatlichkeit“ bezeichnet. Er beruft sich auf Łowmiański, laut dem die Anfänge der Staatlichkeit erst dann möglich sind, wenn das Abbrennen der Waldheiden zu kurzfristigen Weidezwecken von der Ackerwirtschaft mit Tierzucht verdrängt wird. Dem fügt Gerard Labuda hinzu, dass die Staatlichkeit sich weiter herausbildet, wenn die Grenzen als unverrückbar gelten und die Gemeinschaft die selbst erwirtschafteten Güter untereinander teilt. Als er der Frage nachgeht, warum aus den vielen polnischsprachigen Stämmen eine zentral regierte Staatlichkeit entstanden ist, stellt er eine sehr spannende Theorie auf. Er ist der Meinung, dass ein slawischer Stamm seine Nachbarn überfallen und bezwungen haben müsste. Um seine Theorie zu untermauern, betrachtet er die gut belegte Situation in Ruthenien. Dort konnten gemäss zeitgenössischen Quellen die Herrscher von Kiew zwischen 913 bis 996 schrittweise andere Stämme unterwerfen. Der Autor folgert daraus, dass sich Ähnliches auch in Polen abgespielt haben dürfte. Die Quellen schweigen sich zwar zu den Anfängen solcher Eroberung aus, offenbaren jedoch wenigstens ihre Schlussakte, als 987-990 Südpolen und Schlesien einverleibt werden. In späterer Zeit, unter Wladyslaw Herman und Boleslaw Schiefmund wiederholte sich das Eroberungsszenario in Pommern, welches zwar im 10. Jh. bereits Teil des polnischen Staates war, sich danach aber wieder verselbständigte. Die vorliegende These erscheint zum einen gut vertretbar, zum anderen zerstört sie den verbreiteten Mythos einer friedlichen Vereinigung. Der Autor bemerkt zu Recht, dass die Eroberungen bei den Eroberern eine Militarisierung ihrer Gesellschaft nach sich gezogen haben müssten. Dies scheinen die Quellen zu bestätigen, da einem Reisebericht zu entnehmen ist, dass Mieszko I. rund 3000 Krieger zu seiner Verfügung gehabt hat. Anschliessend berechnet der Autor seine militärische Schlagkraft. Da Polen um 960 aus Grosspolen, Kujawien und Masowien bestand, hatte es eine Fläche von 120'000 qkm und eine Bevölkerung von rund 600'000 Menschen. Dies bedeutete 120'000 Familienväter, woraus der Autor schliesst, dass der polnische Fürst bis zu 12'000 Bewaffneten in seinem Dienst gehabt haben dürfte. Danach beschäftigt sich der Autor mit weiteren unausweichlichen Fragen, nämlich dem Steuersystem, dank dem eine so grosse Armee unterhalten werden konnte, ferner mit der Burg und der Vorburg als dem Zentrum eines wirtschaftlichen und politischen Lebens. Weiter erörtert er, wie es zur Herausbildung der herrschenden und der beherrschten, bäuerlichen Schicht gekommen ist und geht danach mit vielen archäologischen Beispielen auf den christlichen Sakralbau und die Kirchenausstattung ein.

9 Nach den spannenden Ausführungen zur Eroberungstheorie befasst sich der Autor wieder mit der Situation in Polen im Jahre 1034, das heisst während der Zeit von Mieszko. II. Ihm folgte sein Sohn Kasimir, später genannt „der Erneuerer“. Entweder 1038, wie es polnische Quellen sagen, oder 1039, wie den tschechischen Quellen zu entnehmen ist, überfiel der tschechische Fürst Brzetyslaw das Land, verwüstete es und entführte die Reliquien des Heiligen Wojciech. Aus den Chroniken erfährt man, dass ein gewisser Maslaw oder Mojslaw sich zum Fürst von Masowien ausrufen liess, es müsste noch weitere solche Fälle in Grosspolen und Kleinpolen gegeben haben. Ausserdem eroberten die Tschechen Schlessien. Kasimir übernahm folglich von seinem Vater ein schweres Erbe. Er zog nach Krakau um und begann ab 1040 trotz allen Schwierigkeiten mit Wiedervereinigungsversuchen. Er schloss ein Bündnis mit dem ruthenischen Fürsten Jaroslaw, welches er mit zwei Hochzeiten besiegelte: der seinen mit Dobroniega, der Tochter von Jaroslaw, und seiner Schwester Gertruda mit Izjaslaw, dem Sohn von Jaroslaw. Bis 1047 wurde mit Hilfe Rutheniens Masowien wieder unterworfen und der abtrünnige Maslaw getötet. Deutlich schwieriger gestaltete sich die Rückgewinnung Schlesiens von den Tschechen. Die Werbeaktion in Rom brachte nicht die erwünschten Resultate, auch die Reliquien wurden nicht zurückgegeben. Nachdem die Diplomatie scheiterte, nahm Kasimir Schlesien mit Gewalt an sich. Er nutzte dabei seinen Einfluss am kaiserlichen Hofe, um sein Vorgehen gegenüber dem Kaiser zu erklären. Bis 1054 verpflichtete er sich, dem tschechischen Fürst Tribut für Schlesien zu entrichten. So konnte Kasimir das auseinanderfallende Land, mit Ausnahme der unabhängig gewordenen Pommern und dem Land der Lendizen, welches von Ruthenien erobert wurde, wieder einigen.

10 Der nächste Herrscher, Boleslaw, genannt „der Kühne“ oder „der Grosszügige“, kam an die Macht 1058, als der Investiturstreit voranschritt und und es zum definitiven Bruch zwischen dem katholischen und dem orthodoxen Christentum kam. Der Autor beschrieb sehr überzeugend weiter die regionale Situation, in der Boleslaw sich mit Ruthenien, Ungarn und Tschechien arrangierte. Danach konnte er sich 1076 zum König krönen. Drei Jahre später liess er unter nicht gänzlich klaren Umstanden den Krakauer Bischof Stanislaw wegen Verrats hinrichten. Um die Geschehnisse von 1079 zu rekonstruieren, nimmt der Autor eine Analyse der wenigen erhaltenen Schriftquellen unter verschiedenen Blickwinkeln vor. Er kommt zum Schluss, dass Stanislaw das Haupt einer Opposition gegen Boleslaw gewesen sein muss. Diese war so stark, dass sie auch nach der Hinrichtung des Bischofs in der Lage war, den Fürst aus dem Land zu vertreiben und ihn mit dem Bruder des Herrschers, Wladyslaw Herman zu ersetzen, der jedoch ausgesprochen passiv regierte. Er hatte zwei Söhne, den ausserehelichen Zbigniew und den rechtmässig gezeugten Boleslaw, später genannt Schiefmund. Die Söhne rivalisierten bereits zu Lebzeiten des Vaters um den künftigen Thron. Erneut beschreibt Autor sehr genau, mit wie viel List Zbigniew seine Anerkennung als rechtmässiger Nachfolger erreichte und eine zeitlang mit Boleslaw regierte. Nach dem Ableben Wladyslaws 1102 eskalierte der Konflikt, sodass das Land bis 1106 viel von seiner Handlungsfähigkeit verloren hatte. Erst als sich Boleslaw Schiefmund definitiv durchsetzte, konnte Polen wieder mit der Eroberung der nördlichen Nachbarn, der Pommern, beginnen. Damit schliesst der Autor seine zeitlichen Betrachtungen und fügt noch an, der Boleslaw das Land unter seine Söhne aufteilte, was jedoch die geschichtliche Prüfung nicht bestand.

11 Im nächsten Kapitel wirft der Autor einen Blick hinter die Kulissen des polnischen Staates und erklärt, wie die Regalien des Herrschers und der grosse Landbesitz der Kirche entstanden sind. Weiter nimmt er die Kriegerkaste unter die Lupe, die sich in vier verschiedene Kategorien aufteilte: Die wenigen, dafür herausragenden Krieger, die ständig beim Herrscher weilten, die schwerbewaffneten Krieger, die das Rückgrad der Armee bildeten, die leichtbewaffneten Krieger, die zur Belohnung ihrer Dienste oft Land zur Bewirtschaftung erhielten, sowie das gemeine Volk zu kriegerischen Hilfszwecken. Danach befasst er sich mit der rechtlichen Stellung der Bauern, sehr ausführlich mit den Sakralbauten und der Entwicklung der Schrift. Sehr wertvoll ist seine Analyse zum Stand des Christentums in Polen. Wie er bemerkt, kam es westlich der Oder zum Aufstand der Wilzen 983 und der Obodriten 1066, wobei beide sowohl politisch als auch religiös motiviert waren. Auch in Ungarn brachen 1047 starke antichristlichen Unruhen aus. Die Quellen auch Tschechien berichten von anhaltenden heidnischen Bräuchen nach der Christianisierung. Mangels Quellen sind solche Vorfälle aus Polen nicht überliefert, was aber nicht bedeuten kann, dass es sie nicht gab. So nutzte der polnische Fürst Wladyslaw Laskonogi bei einer Kriegsreise gegen den Grafen von Meissen 1209 die Dienste einer Wahrsagerin, die ihm den Sieg prophezeite, der aber nicht eintrat. Wladyslaw wurde besiegt und seine Wahrsagerin im Kampf erschlagen. Weitere Einblicke gibt die Missionstätigkeit in Pommern, die zahlreiche heidnische Bräuche mit sehr mässigem Erfolg bekämpfte. Die Situation änderte sich erst im 13. Jh. mit den Bettlerorden, den Franziskanern und den Dominikanern, die mit ihren Lehren unmittelbar das einfache Volk erreichten.

12 Ausgesprochen spannend sind die Ausführungen zur Herausbildung eines nationalen Bewusstseins im Volke. Der Autor vermerkt, dass er damit keineswegs den nationalen Begriff aus dem 19. Jh. meint, der vom Primat des eigenen Volkes vor den anderen überzeugt war. Zunächst erläutert der Autor, welche polnischen Dialekte den Ausschlag für die künftige Sprache gaben. Den Grundstein dazu lieferte das Grosspolen und etwas später das Kleinpolen, wo sich administrative Landszentralen befanden. So entstand das grammatikalische und das phonetische Gerüst insbesondere vom Dialekt der Polanen und der Wislanen. Die Lexik hingegen entwickelte sich mit dem Staat, wie etwa die Begriffe aus dem Steuer- dem Armee-, dem Rechts- und dem ideologischen Bereich. Das Bewusstsein, durch dieselbe Sprache und Kultur miteinander verbunden zu sein, gestaltete die Aussenpolitik des Landes, die sich um Vereinigung aller polnischsprachigen Gebiete bemühte. Eine entscheidende Rolle spielte dabei die regierende Elite, die sich als erste Schicht nicht nur dem eigenen Stamm angehörig fühlte, sondern sich als Teil eines einzigen Volkes sah. Dieses Bewusstsein trug sie zu tieferen Schichten, zur Geistlichkeit, zum mittleren und kleinen Rittertum, schliesslich zu Stadtbewohnern und zu den Bauern. Dies war jedoch ein sehr langwieriger Prozess. Weiter interessante Ausführungen macht der Autor zur Wechselhaftigkeit der politischen Zentren. Bis zum Jahre 1038 befand sich dieses Zentrum in Grosspolen, die in Gniesno ihre Hauptburg hatte. Danach verschob sich die Zentrale nach Krakau. In Piastenmonarchie existierten aber noch drei weitere Zentren: Breslau in Schlesien, Plock in Masowien und Kruschwitz in Kujawien. Sie sollten es zur lokalen Grösse insbesondere während der Teilung des Landes unter die Söhne von Boleslaw Schiefmund schaffen. Die Anfänge ihres Aufstiegs lassen sich aber bereits zur Zeit von Wladyslaw Herman feststellen, der sich so an Plock gewöhnte, dass er von dort aus nach seinem Aufstieg zum polnischen Herrscher weiterhin regierte. Nach seinem Ableben erhielt der eine Sohn, Zbigniew, den Norden mit Gniesno und Kruschwitz, der andere Sohn, Boleslaw Schiefmund, den Süden mit Breslau und Krakau. Nachdem der Letztgenannte das Land 1106-1107 vereinte, wanderte die Zentrale des ganzen Landes wieder nach Krakau. Spätere Ereignisse, insbesondere die Krönung von Wladyslaw Ellenlang zum König im frühen 14. Jh., sollten den Stand dieser Stadt als ein nationales Zentrum bestätigen. Zum Schluss befasst sich der Autor mit dem Weg von der Monarchie zur Poliarchie. Wie er folgert, galt in allen slawischen Staaten das Teilungsprinzip des Staatsgebiets unter die Söhne des Herrschers, weshalb die monarchistische Idee von der Dynastie selber bekämpft wurde.

13 Der Autor schildert die kaum überschaubare Situation in ersten Jahrhunderten der Piastenmonarchie allen Schwierigkeiten zum Trotz anschaulich und leicht verständlich. Der Leser staunt immer wieder darüber, wie viele Informationen er den wenigen Quellen abgewinnt. Die Beweggründe der damaligen Akteure veranschaulicht er sehr nachvollziehbar dank geradezu meisterhaften Politanalysen. Dabei bedient er sich einer Sprache, die gehoben und zugleich einfach ist, sodass sein Buch den Leser regelrecht in seinen Bann zieht. Dank ihm ist es eine wahre Freude, in die früheste Geschichte der Piasten und ihrer Monarchie einzutauchen. Gerard Labuda brachte nicht nur ein historisches Buch, sondern zugleich auch ein literarisches Werk zustande.

Rezension vom 15. Juli 2016
© 2016 fhi
ISSN: 1860-5605
Erstveröffentlichung

  • Zitiervorschlag Rezensiert von: Piotr Gotówko, Gerard Labuda, Pierwsze wieki monarchii piastowskiej [Erste Jahrhunderte der Piastenmonarchie] (15. Juli 2016), in forum historiae iuris, http://www.forhistiur.de/2016-07-gotowko/